Nachdem jetzt endlich der Wind gepasst hat, habe ich meinen Kitesurf-Kurs am Sonntag begonnen und am Montag - abrupt und unfreiwillig - beendet.

Hier in Naxos gibt es eine sehr gute Kitesurf-Schule, wo ich letzte Woche einen Kurs gebucht hatte. Nachdem ich 2 Tage auf besseren (=weniger) Wind warten musste, begann der Kurs am Sonntag bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Luft- und Wassertemperaturen.

Am ersten Tag lernten wir den Kite zu beherrschen. Begonnen haben wir mit einigen spassigen Uebungen mit einem Stuntkite. Unter einem Stuntkite kann man sich die Miniaturvariante eines richtigen Kites vorstellen, den man wie einen Lenkdrachen steuert, der aber wie ein “richtiger” Kite reagiert. Der Stuntkite war nicht besonders gross, nur 2 Quadratmeter, aber hat richtig viel Zug gehabt. Wenn man so ein Teil noch nicht selbst gesteuert hat, kann man sich eigentlich nicht vorstellen, mit welcher Kraft der Wind an dem Drachen zieht. Praktischerweise hat ein Stuntkite keine Teile, die man kaputtmachen kann - das ist auch der Grund warum wir damit begonnen haben :-) .

Im Prinzip ging es darum zu zeigen, wie die Theorie funktioniert. Um spaeter mit einem richtigen Kite zu fliegen, muss man verstehen, wie der Wind funktioniert und man lernt alle wichtigen Begriffe - Windfenster, Powerzone, Drag, Lift und wo man den Drachen positionieren muss, wenn der Instructor z.B. “10 Uhr” sagt.

Danach haben wir unsere Ruestungen (Neoprenanzug, Schwimmweste, Helm, Trapez) angezogen und haben die ersten Versuche mit einem 6 Quadratmeter Kite gemacht, der an 3 Meter langen (oder eher kurzen) Leinen befestigt war. Der Kite wird dann am Trapez befestigt und wir bekamen die erste Einschulung in das Sicherheitssystem. Ein ausser Kontrolle geratener Kite entwickelt heftige Kraefte und dann muss man schnell in der Lage sein, sich davon zu trennen - mit einem Zug an der Sicherheitsleine.

Der Kite ist mit 4 Leinen an dir befestigt, die beiden vorderen Leinen haengen am Chickenloop, einem Haken, der am Gurt befestigt ist. Die hinteren Leinen, die zur Steuerung dienen sind an der Bar befestigt, einer kleinen Stange, die beweglich montiert ist. Mit dieser Stange, je nachdem ob man sie nach links oder rechts zieht, steuert man den Kite. Die Kites sind so konstruiert, dass sie immer aus dem Wind gehen. Dass heisst, man muss den Kite bewusst mit den Steuerleinen in den Wind drehen, damit Zug entsteht.

Klingt nicht besonderst kompliziert, man muss sich jedoch erst mal daran gewoehnen, dass der Kite im Prinzip voll am Geschirr haengt und man mit der Bar nur steuert. Irgendwie will man sich am Anfang aber an dem Kite anhalten und zieht die Bar zum Koerper - was aber falsch ist, weil man damit den Kite steuert und Zug erzeugt. Irgendwann macht es aber dann “Klick” und man hat’s begriffen, spaetestens dann, wenn man lernt den Kite nur mehr mit einer Hand zu steuern.

Nachdem wir mit den kurzen Leinen gearbeitet haben und ein wenig Gefuehl fuer den Wind hatten, sind wir auf 8 Meter Leinen gewechselt und haben damit wieder ein paar Uebungen gemacht. Hier ging es vor allem darum zu verstehen, wo der Unterschied zwischen “Drag” und “Lift” besteht.

Hier die Kurzversion: Wenn man den Kite ruhig in den Wind stellt und nur die Kraft des Windes wirkt, dann nennt man das Drag. Diese Kraft laesst sich bei wenig Wind durch das Koerpergewicht (bei >75 kg) halten. Wenn man den Kite bewegt, dann erzeugt die Bewegung durch die Form des Kites (wie der Fluegel eines Flugzeugs) einen Unterdruck ueber dem Drachen, der zusaetzliche Kraefte ausuebt. Wenn man den Kite langsam bewegt, dann geht’s ja noch. Wenn man ihn jedoch schnell bewegt, dann geht die Post ab!

Unser Lehrer Michele hat uns am Geschirr festgehalten und hat uns gezeigt wie man den Drachen in Achtern durch den Wind bewegt. Wenn er uns nicht festgehalten haette, waeren wir wahrscheinlich 3 Meter ueber dem Strand durch die Luft geflogen. Geiles Gefuehl!!

Am zweiten Tag haben wir dann einen Kite verwendet, der 20 Meter Leinen hat. 20 Meter sind verdammt lang und je laenger die Leinen, desto groesser die Kraft - wie ich an diesem Tag noch erleben durfte. Wir sind mit dem grossen Kite auch gleich ins Wasser und haben die letzten Uebungen vor dem Verwenden des Boards gemacht.

In der ersten Uebung haben wir gelernt, wie man einen im Wasser abgestuerzten Kite wieder alleine startet - eigentlich braucht man immer eine zweite Person, die beim Start hilft. Danach haben wir uns vom Kite ins Wasser ziehen lassen, haben dann die Seite gewechselt und sind wieder an Land zurueck.

Die naechste Uebung war das Kreuzen im Wasser. Wenn man mal sein Board bei einem Sturz verliert, dann zieht einen der Kite ja weiter und man muss aber irgendwie zum Board zurueck. Also muss man seinen Koerper als Ruder verwenden und zum Board gegen den Wind kreuzen. Was habe ich bei dieser Uebung Salzwasser geschluckt, unglaublich!

Bis jetzt habe ich mich gut gehalten und alles im Griff gehabt. Nach der Mittagspause wollten wir aufs Board - ich habe mich als Erster gemeldet und wollte das gleich probieren. Ich habe alles ohne Brille gemacht und hatte bis dahin auch kein Problem damit - der Kite ist gross und ich war mir meiner Sache (vielleicht zu) sicher.

Ich starte den Kite und merke, dass er ueberhaupt nicht reagiert. Mein erster Gedanke war - Sch****! Da ich dummerweise die Leinen nicht genau kontrolliert habe, habe ich nicht bemerkt, dass sie verdreht waren. Mit verwickelten Leinen ist ein Kite GAR nicht zu steuern! Ich habe noch versucht, die Leinen zu entwirren, da ich sie aber nicht gesehen habe, bin ich gescheitert. Der Kite ist mit einem Affenzahn in den Zenit gezischt, hat mich mal einen Meter in die Luft gehoben und ist dann auf der anderen Seite ins Meer geknallt. Ich bin ins flache Wasser gefallen und habe mich aufgesetzt.

Diesmal dachte ich, pfuh, noch mal Glueck gehabt. Falsch gedacht. Der Kite hat sich aufgestellt und ist wieder mit unglaublichem Karacho nach oben gegangen. Wie ich vorher schon erklaert habe, wird die Kraft immer groesser, je schneller sich der Kite bewegt - und er hat sich sehr schnell bewegt!

Na ja, was soll ich sagen, ich flog zuerst mal 1-2 Meter in die Hoehe und dann wieder nach unten, Richtung Strand. Dort habe ich noch versucht mich auf die Seite zu drehen, damit ich keinen Bauchfleck mache. Das ist mir halbwegs gelungen, aber ich bin hart mit Schulter, Kopf und Gesicht aufgeschlagen. Der Kite hat natuerlich weiter gezogen und ich bin den Strand entlang gerollt. Ich hatte keine Ahnung wo oben und unten ist und hatte auch keine Chance mehr die Sicherheitsleine zu ziehen.

Zum Glueck hat Luciana, die zweite Lehrerin den Kite erwischt, weil sie genau dort gestanden ist, wo der Kite aufschlug. Sie hat ihn festgehalten und ich habe aufgehoert ueber den Strand zu rollen.

Alles in allem hatte ich ziemliches Glueck, aber ich fuehle mich, als ob ich aus einem fahrenden Auto ausgestiegen waere. Ein paar Schuerfwunden an den Armen und im Gesicht, ein Brummschaedel, eine gestauchte Hand und leicht gezerrte Bauchmuskeln. Und meine Sonnenbrille musste dran glauben, komplett zerkratzt…

Was lerne ich daraus? Immer die Leinen kontrollieren und nur mehr mit Kontaktlinsen kiten!

Kai, die Tricks muessen noch ein wenig warten! :-)